Kuba. 2015

Gelebte Utopie, 208 100x80cm

Gelebte Utopie, 208
100x80cm

Die 24 Bilder dieser Werkreihe aus dem Jahr 2016 zeigen jeweils die Vorderfassade von Häusern, die auf Kuba fotografiert wurden. Chantal Maquet liefert keine ethnologische Darstellung des Karibikstaates. Europäische Rezeptionen zeigen typischerweise ein verzerrtes Bild eines uns fremden Landes. Von einer malerischen Darstellung Kubas werden lebendige Straßenszenen und intime Porträts von prototypischen Kubanern erwartet, mit der die vermeintliche Lebensfreude als projiziertes Ideal reproduziert wird. Manche Menschen finden die Armut anderer romantisch.
Chantal Maquet entzieht sich einer solchen voyeuristischen Darstellung. Der gewählte Bildausschnitt vermeidet Perspektive, nur auf wenigen Bildern sind Menschen zu sehen. Obwohl es naturgetreue Nachbildungen von Fotos sind, entbehren alle Bilder jeglicher Dynamik.

Es ist ein ordnender, sich stets am wiederkehrenden Muster des gleichen Bildausschnittes wiederholender Blick, der dem Betrachter auferlegt wird.
Bei den Hausnummern der abgebildeten Häuser, die gleichzeitig die Titel der Bilder liefern, handelt es sich ausnahmslos um gerade Zahlen. Die Gleichförmigkeit ist wesentlich für die Komposition der Bilderreihe. Die Akribie, die auch in der mathematischen Betitelung der Bilder ausgedrückt wird, erzeugt vorerst ein angenehmes Gefühl der Überschaubarkeit. Die vertraute Perspektive setzt die Motive in eine Ordnung, und urteilt damit auch bewusst. Gerade der distanzierte Blick ist Ausdruck des Respekts gegenüber einer fremden Lebenswelt, die wir fälschlicherweise zu verstehen glauben, obwohl uns ihre Normen nicht vertraut sind. So ist das Innere der Häuser nicht dargestellt. Ohne Kommentar sind die Abbildungen nicht eindeutig geografisch verortbar. Es fehlen Symbole, die einen offenbaren Bezug zu Kuba aufzeigen. Dem erwarteten Kuba-Bild wird nicht entsprochen.

Gelebte Utopie, 868 70x50cm

Durch ein zusätzliches, allen Bildern verbindendes Element ist dennoch ein politischer Kommentar enthalten: Der Himmel ist auf jedem Bild Silber und Grafitgrau. Die Staatsdoktrin Kubas erhebt den Anspruch, in seinem Einflußbereich die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen überwunden zu haben. In einer gelebten Utopie, die das angestrebte Ideal in der Realität vermeintlich bereits erfüllt hat, ist der Himmel nicht mehr Ort der Sehnsucht. Kuba ist ein bürokratischer Staat, der gemäß seiner Ideologie die positive Ausprägung einer Diktatur darstellt. Gewaltenteilung existiert faktisch nicht. Da der Bevölkerung keine Auswahlmöglichkeiten über eventuelle politische Alternativen zur Verfügung stehen, kann über die Zustimmungsrate nur spekuliert werden. Der bleierne Himmel ist par excellence die Allegorie auf diese Diktatur. Mit ihr einher gehen unterdrückte Meinungsfreiheit und regelmäßige Menschenrechtsverletzungen.

Gelebte Utopie, 282 150x110cm

Gelebte Utopie, 282
150x110cm

Im Gegensatz dazu steht die Farbigkeit der Gebäude.
Die Bilder der Serie sind allesamt in der gleichen Farbwelt und entsprechen dem realen Vorbild. Gelegentlich ist die Fassadenfarbe nur etwas betont und in Szene gesetzt.
Die Häuserwände tragen deckende Farben. Bei einigen ist zusätzlich eine lasierende Schicht hinzugefügt, die verblüffend realistisch die Verwitterung nachbildet. Es ist ein geschicktes Spiel im Zusammengehen mit den reflektierenden und grauen Tönen des Himmels.
Die Farbigkeit ist Ausdruck der Kultiviertheit, der permanente Anblick ist eine Rückversicherung, Mensch zu sein. Eine Leistung von Kultur ist, Würde zu verleihen, auch wenn die individuelle materielle Ausstattung oft unzureichend sein mag.
In einem letzten Arbeitsschritt wurden die Gitter hinzugefügt, die bei jedem Haus unterschiedlich aussehen. Mal sind diese aufwändig gearbeitet und erinnern an belgische Spitze, mal sind sie zweckgebunden, mal dilletantisch, dennoch immer liebevoll. Ihre Funktion ist es, die Wohnungen vor Zugriff durch Einbrecher und dem totalitären Staat zu schützen. Darüber hinaus sind sie der sichtbare Ausdruck von Individualität.

Gelebte Utopie, 3712 60x80cm

Die gesamte Serie ist der zweite Teil des übergeordneten Zyklus „TOPOS“ der Malerin Chantal Maquet, in der sie sich mit Stadtplanung auseinandersetzt. In allen Serien wird die wechselseitige Einflussnahme von der Gesellschaft, ihren Bewohnern als Einzelpersonen und deren Auswirkungen auf den urbanen Lebensraum malerisch aufgezeigt. Erster Teil war „Utopien von gestern“ von 2014. Es zeigt Porträts der Architektur der 1950er Jahre in Hamburg und fängt die Aufbruchstimmung und den Pioniergeist des Neubeginns auf. Der dritte Teil ist „Please Hold the Line“ von 2016 aus Paris. Auch hier steht die Weigerung, die Stereotypen des Ortes zu bedienen. In dieser Serie wird nicht die Architektur porträtiert, stattdessen werden in einem monumentalen Polyptichon ohne feste Reihenfolge Menschen gezeigt, die an einem nicht weiter benannten Ort der Stadt in einer Schlange stehend warten.
Weitere Serien des Zyklus sind angedacht.

Henning Pfeifer

Gelebte Utopie. overview

Ein Überblick über die Serie, die einzelnen Gemälde sind alle im gleichen Maßstab abgebildet.