Franziska Storch: Bouquet wandle dich. Zu den Blumenbildern von Chantal Maquet

Stay Gold heißt die Serie von sieben Blumenbildern und tatsächlich ist das schimmernde Blattgold des Rahmens der einzige Farbeindruck, der bei der Betrachtung dieser Malereien stets gleich bleibt. Die schreiend bunten Blumenbilder von Chantal Maquet bringen die gewohnte Seherfahrung total durcheinander. Erscheinen die Blüten auf den ersten Blick hellblau, die Stängel dunkelblau und der Hintergrund türkis, gilt dies schon zwei Minuten später nicht mehr. Langsam wechseln die Farben, sodass die Blüten nun hellrosa, die Stängel dunkelrot und der Hintergrund leuchtend grün aussehen. Diesen Effekt erzielt Chantal Maquet, indem sie die Innenseiten der kastenförmigen Rahmen mit LED-Leuchtmittel ausgestattet hat. Die Künstlerin hat diese Lichter so programmiert, dass sie langsam den 12-teiligen Farbkreis des Bauhauslehrers Johannes Itten abschreiten. Dies erzeugt einen niemals endenden Beleuchtungskreislauf, wobei ein Durchgang etwa sieben Minuten dauert. Während dieser Zeit verändert sich die Farbigkeit der Blüten, Stängel und des Hintergrunds ständig, sodass man nicht mehr weiß, welche Farben sie wirklich haben.

Chantal Maquet greift hier ein Phänomen auf, dass in der Psychologie unter dem Begriff Farbkonstanz (1) bekannt ist. Bei unterschiedlicher Beleuchtung – bei Tageslicht am Morgen, im Licht einer Glühbirne oder unter Leuchtstoffröhren – variiert die Farbigkeit desselben Gegenstands. Betrachter*innen können durch den Vergleich mit der Umgebung diese Varianz ausgleichen, das Objekt wiedererkennen und seine Farbigkeit stets gleich benennen. Die Beleuchtung der Blumenbilder überdreht diesen Effekt, wobei das gerahmte Bild als isolierter Ausschnitt keine Referenz zur Umgebung erlaubt. Infolgedessen funktioniert die Farbkonstanz bei den Blumen in dieser Kastenbühne nicht. Die Farbänderung der Blüten, Stengel und des Hintergrunds kann nur teilweise kognitiv ausgeglichen werden, sodass die Farbigkeit stetig wechselt. Chantal Maquet nutzt für ihre Malerei einen Effekt, der in der psychologischen Wahrnehmungsforschung erstmals in den 1960er Jahren von Edwin Land untersucht wurde. Sein Mondrian Experiment, das er 1977 veröffentlichte, ist das vielzitierte Paradebeispiel für die unterschiedliche Bewertung von Farben in Abhängigkeit von der Beleuchtung (2). In Anlehnung an den Maler Piet Mondrian ordnete er Rechtecke in den Primär- und Sekundärfarben sowie in Weiß auf einer Fläche an, die er abwechselnd rot, grün und blau beleuchtete. Unter diesen Umständen erscheint Betrachter*innen zum Beispiel ein rotes Rechteck zunächst leuchtend rot, dann fast schwarz und schließlich kühl blass.

Chantal Maquets Blumenbilder sind wie eine künstlerische Variation dieses Experiments. Wie bei einem psychologischen Versuch bestimmte sie die Farben für Hintergrund, Stängel und Blüten nach dem immer gleichen Prinzip. Hierfür hat sie aus dem 12-teiligen Farbkreis von Johannes Itten für den Hintergrund eine Farbe ausgesucht. In einem Fall war dies Blau-Grün. Anschließend hat sie von der Komplementärfarbe, die auf dem Farbkreis gegenüber liegt – in diesem Fall Rot-Orange – die links und rechts benachbarte Farbe gewählt, also Orange und Rot. Die Blüten malte sie entsprechend in Orange und die Stile in Rot. Eine andere Farbkonstellation ist ein Hintergrund in Gelb-Orange mit Stängeln in Blau und Blüten in aufgehelltem Violett.

Das motivische Ausgangsmaterial hingegen ist schwarzweiß, denn für diese Serie hat Chantal Maquet einen Strauß Nelken in Zartrosa gekauft, ihn vor neutralem Hintergrund aufgestellt und aus sieben verschiedenen Perspektiven in Schwarzweiß fotografiert. Die Nelke als Motiv und Symbol hat eine Kulturgeschichte, die weit zurück reicht. Weiße Nelken finden sich mehrfach auf Darstellung der Heiligen Maria, roten Nelken wurden während der französischen Revolution zum Zeichen des Protests gegen die Krone und schließlich zum Symbol für die Arbeiterbewegung. Deshalb waren rote Nelken in dem sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat DDR bei allen Feierlichkeiten zu sehen. Außerdem sind Nelken pflegeleichte, blütenreiche Pflanzen, die wenig Wasser benötigt und als Schnittblume lange hält. Doch im späten 20. Jahrhundert ließ die Attraktivität der Nelke immer mehr nach – Chantal Maquet spricht sogar von einer Oma-Blume. Doch jüngst gewinnt die Nelke wieder stark an Beliebtheit, nachdem Züchter in Großbritannien neue Sorten in bislang unbekannten Farben und Formen präsentieren, beispielsweise runde Blütenblätter in Violett mit pinken Streifen.

In der Malereitradition nahm einst das Bildsujet der Blumenstillleben einen niedrigen Rang ein, weil es vermeintlich weniger kompliziert ist als Porträts oder gar Historienbilder. Diese Einschätzung führte dazu, dass das Blumenstillleben zu einer spezifisch weiblichen Gattung wurde. Durften bis Anfang des 20. Jahrhunderts ohnehin nur wenige Frauen aus der gehobenen Gesellschaft malen, weil diese Tätigkeit als männlich galt, traute Man(n) den Frauen bis ins 19. Jahrhundert auch nur die vermeintlich einfachen (Blumen)Stillleben zu. Dass gerade dieses eine hohe Meisterschaft sein kann, bewies die Niederländerin Rahel Ruysch bereits im 17. Jahrhunderts. Durch ihren Vater, ein Anatom und Botaniker, hatte sie Zugang zu zahlreichen lebenden Pflanzen und umfangreichen Herbarien. Ihre Blumendarstellungen wirken auf uns heute fotorealistisch. Und sie zeigen als überraschende Details kleine Insekten, die das Bild beleben. Teilweise gibt es Schmetterlinge auf ihren Bildern, deren Flügeldarstellungen ursprünglich schillerten, weil Rahel Ruysch echte Schmetterlingsflügel auf die Gemäldeoberfläche gedrückt hatte.

Chantal Maquet knüpft mit ihren sich wandelnden Blumenbildern an diese weibliche Tradition an und reizt – wie einst Rahel Ruysch – die Möglichkeiten dieser Gattung aus. Sie kombiniert ihre Ölbilder mit der vermeintlich männerspezifischen Elektrotechnik, um die Blumen zu „beleben“ und Betrachter*innen zu verwirren. Ihre Arbeiten kann man nur phänomenologisch begreifen. Jede Serie von Abbildungen, um diese Wandlung festzuhalten, geht fehl. Und auch ein Filmen kann die teils schleichenden, teils sprunghaften Veränderungen der Farbigkeit kaum einfangen, denn die menschliche Wahrnehmung verhält sich anders als die Kameratechnik.


  1. Vgl. Michael A. Arbib / Prudence H. Arbib (Hg.), The Handbook of Brain Theory and Neutral Networks, Massachusetts 1995, S. 213-
  2.  Vgl. Edwin Land: „The Retinex Theory of Color Vision“, in: Scientific American, Bd.236, Nr. 6 (Dez. 1977), S. 108–128.